Freitag, 19. Januar 2018

Letztendlich doch eine Frau...

... oder: der Traum, ein Junge zu sein


Als damals 'Die unendliche Geschichte' ins Kino kam (1984), fand ich Atréju toootal süß! Lag vermutlich an den langen Haaren - denn dunkle Haare fand ich sowieso schön, wenn es denn kein rotes sein konnte. Ich war so um die 11 Jahre jung, und durch unsere viele Umzieherei (letzten Endes kam ich auf 60 Umzüge in 18 Jahren) war ich es gewohnt, viel allein zu sein. Kontakt zu Gleichaltrigen gestaltete sich holprig: in der Schule und im Hort zwangsläufig geknüpft, waren die Kinder, die mich privat umgaben, meistens 2-3 Jahre jünger. Das war mir oft zu langweilig. Überhaupt war mir mit anderen Kindern eher langweilig, denn sie wollten nie das spielen, was ich wollte, und das war am liebsten rausgehen und wild rumtoben.

Gegenüber der Wohnsiedlung, in der ich damals lebte, befand sich eine Baustelle. Zwar war diese von einem Maschenzaun umgeben, aber das war ja für mich noch lange kein Hindernis, mich nicht dennoch auf dem Baugelände rumzutreiben. Meine beiden Freundinnen, die auch in der Wohnsiedlung lebten, wollten da nicht mit
mir hin, das war ihnen zu gefährlich und zu schmutzig. Also war ich hier immer allein und tollte herum und spielte. Es gab einen gelben Sandhaufen. Was auch immer das für Bausand war, er war weich und zäh und fühlte sich wie Knete an. Ich liebte diesen Sand! Als ich dann eines Tages hier auf diesem Sandhügel hockte und auf meine schwarze Turnleggin starrte, wünschte ich mir mit einemmal, ein Junge sein zu können. Jungs hatten es viel einfacher, bei denen war es den Erwachsenen egal, wie sie aussahen, ob die Haare zerwühlt waren, die Wangen rot, die Hosen zerschlissen, der Pulli dreckig. Die durften schreien und toben und rennen und sich mit anderen Jungs treffen. Aber ich musste mit den Mädchen spielen, die ich alle nicht so wirklich verstand. Die mochten Puppen und so ein Zeugs. Ich hasste Puppen, vor denen hatte ich Ekel.

Ich machte mir als junges Mädchen keine weiteren Gedanken darüber, was ich mir auf dem Sandhügel der Baustelle ausgemalt hatte. Aber der Wunsch, ein Junge sein zu können, wuchs beständig.
Wenn wir bei meiner Omi zu Besuch in Wiesbaden waren, dann tollte ich im kleinen Garten auf dem Birnbaum herum. Ich sprang immer wieder von der höchsten Stelle gen Boden, rollte mich hin und her, kletterte erneut auf den Baum, sprang wieder runter... das ging endlos so weiter. Bis ich dann atemlos auf dem Ast saß, und mich fast glücklich fühlte. Und dann kam dieser Gedanke aufeinmal wieder: ich will ein Junge sein! Es war fast schon ein trotziger Gedanke.
Abends, als ich mit meiner Omi und meinem Vater im Wohnzimmer zusammensaß, fragte ich meinen Vater:
"Papa, warum kann ich kein Junge sein?"
Mein Vater belächelte mich, fuhr mir mit der Hand über den Kopf und sagte ganz mitleidig:
"Och Sodaschen, du bist doch meine Tochter."
Thema abgehakt.

Aber es brodelte immer weiter in mir. Etliche Jahre lang. Als ich ins Teeniealter kam, hatte der Wunsch, ein Junge sein zu können, sich manifestiert. Ich trug nie, nie, niemals Röcke oder Kleider, ich hasste Blusen und alles, was nach Mädchen aussah. Ich hatte keine rosafarbenen oder violetten Klamotten, und ich sah mir auch keine typischen Mädchen-Filme an (sowas wie 'Pretty in Pink' oder 'Can't buy me love' waren total uninteressant für mich, überhaupt Liebesfilme fand ich ätzend).
Sicher, ich entdeckte meine eigene Sexualität und empfand wahre Hochgenüsse, wenn ich allein mit mir war - im Bett. ;) Doch ich begann intensiver über meinen Körper nachzudenken. Die wachsenden Brüste, und auch "untenrum" das... dieses Ding da... das war alles so dermaßen unpraktisch. Jungs hatten einfach einen Schniepel, der hing mit dem Sack so rum, fertig aus. Aber bei Mädchen... ich fands ekelhaft. Oft betrachtete ich mich lange im Ganzkörperspiegel, völlig nackich, und fand diesen zunehmend weiblicheren Körper einfach abstoßend. Ich war nicht fett, nein, auch nicht dick, nein, es waren die femininen Proportionen, die wahre Abscheu in mir hervorriefen.

Ich weinte nicht mehr in diesem Alter. Als ich elf/zwölf Jahre alt war, weinte ich abends oft, weil ich dachte, wie ungerecht es ist, das ich ein Mädchen sein muss und immer bleiben werde. Mit fünfzehn oder sechzehn weinte ich dann nicht mehr. Ich hörte einfach auf, darüber nachzudenken. Ich dachte, das ich es eben einfach hinnehmen müsse.

Ich habe mich nie für das weibliche Geschlecht interessiert. Ich bin zwar seit vielen Jahren doch eher Feministin, denn eine Gleichstellung aller Geschlechter ist einfach längst überfällig. Und ich bewundere starke Frauen. Aber ich bewundere überhaupt alle starken Menschen - gleich welches Geschlecht. So kann ich sagen, das Frauen... ich komme nicht mit ihnen klar, bin ich als Kind nicht, nicht als Teenie, und als Erwachsene auch nicht. Als die ersten Männer in mein Leben traten - feste Freunde - war ich letztendlich froh, eine Frau zu sein. Die Traurigkeit oder auch Verzweiflung darüber, das ich kein Junge war, ist schon lange verflogen. Letzten Endes bin ich meinem weiblichen Körper angekommen, auch wenn es echt lang gedauert hat! Und trotzdem... manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, das ich doch gerne ein Mann wäre... und das Gefühl erinnert mich an das erste Mal, als ich so empfand: damals als Kind auf dem Sandhügel auf der Baustelle. Und dann fällt mir ein, das ich gar nicht so unglücklich war, denn ich habe mich weiterhin einfach so benommen wie immer, so, wie es mich glücklich gemacht hat. Und ich habe mich auch so angezogen wie ich wollte, konnte Spielsachen haben, die ich wollte. Ich musste kein Mädchen sein, ich hatte einfach einen weiblichen Körper, und das war dann doch gar nicht so übel! Spätestens, als ich dann meine wahre Liebe getroffen habe war klar, das ich sehr glücklich bin, eine Frau zu sein und das viele der verwirrenden Gefühle und Gedanken damals daher zeugten, das ich bei einem Mann großwurde, der jede Woche andere Frauen anschleppte.

Ich bin eine Frau, und ich bin glücklich! Obwohl so manchmal... ;)

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