Niedergeschlagen und emotional total am Ende schleppte ich mich nach der Einkaufstour in mein Zimmer. Ich wäre am liebsten gestorben. Doch während der Einkauferei, und das fiel mir erst jetzt auf, hatte ich immer weniger an Marcel selber gedacht, als vielmehr daran, das mein Herz so weh tat. Erst jetzt, als ich wieder sein Gesicht vor meinem geistigen Auge sah, wurde mir bewusst, das ich auch ohne ihn würde leben können. Vermutlich. Und für einen winzig kleinen Moment schien meine Situation doch nicht ganz so hoffnungslos.
Bis es klingelte. Ich schob die Gardine ein wenig beiseite, um durch das geöffnete Fenster ganz vorsichtig um die Ecke, zur Straße hin, hinauslugen zu können. Und dann hörte ich die Klingel wieder. Ich konnte allerdings ein Fahrrad ausnehmen. Ein Jungs-Rad. Und schier in diesem Moment klopfte mein Herz bis zum Hals. Meine Hände
begannen zu zittern, ich begann zu zittern. Ich fiel wie ein nasser Sack auf's Bett und hoffte inständig, das es Marcel sein möge, dem das Jungen-Fahrrad dort auf der Straße gehörte.
Kaum das mir dieser Gedanke durch den Kopf schoss, öffnete sich mit einem Ruck meine Zimmertür, und Elfi zwitscherte:
„Marcel ist hier und fragt, ob er reinkommen darf.“
Bing, bing, bing – lief mein Kopf hochrot an. Ich stammelte irgendwas, denn darauf war ich jetzt nicht vorbereitet gewesen. Doch ehe ich mich fangen konnte, grinste mich dieser supersüße Junge um die Ecke vom Türrahmen herum an.
„Stell doch dein Fahrrad noch grade in den Garten,“ sagte meine Tante, und flugs wurde die Zimmertür wieder zugezogen. Jetzt galt es! Elfi hatte noch ein, zwei Minuten Zeit für mich rausgeschlagen. Ich wuschelte mein Haar ein wenig auf, will heißen: ich hoffte, meine elendiglich glatten Haare mögen bloß nach einer Art Frisur aussehen, versuchte die Schamesröte aus meinem Gesicht zu bekommen, und überhaupt ganz einfach eine entspannte Miene zu machen. Ich lächelte einige Male ganz schnell hintereinander, um sicherzugehen, das mein Lächeln natürlich wirken würde. Dann klopfte es auch schon an der Tür.
„Ja,“ sagte ich, scheinbar gelassen. Meine Hände griffen nervös ineinander, und kaum das Marcel ins Zimmer eintrat, waren all meine vorherigen Übungen dahin. Sehen konnte ich mein Gesicht nicht, aber ich muss ungefähr so hübsch ausgesehen haben wie ein Geierjunges, das aus einem Wäschesack guckt.
„Hallo, Soda,“ und mein Herz wurde weich wie Butter in der Sonne. „Ich wollte mal fragen, ob du heute noch was vorhast?“
„Nee, eigentlich nicht,“ sagte ich, und hätte mir am liebsten gleich auf die Zunge gebissen. Doofer ging's wohl nicht.
Eine peinliche Pause trat ein, in der ich nicht wusste, was ich sagen oder wie ich mich verhalten sollte. Im Zimmer standen außer dem Bett – und dem Kleiderschrank, der sich als Sitzmöbel wohl nur für eine Katze eignete – noch ein Stuhl, den ich akkurat an den kleinen Tisch unter dem Fenster herangeschoben hatte. Mist, dachte ich noch, das es den Stuhl gab, und so klopfte ich unbeholfen neben mich auf das Bett, um Marcel zum Sitzen aufzufordern. Zu meiner Freude wie zu meiner Überraschung nahm er die Einladung an, ließ sich neben mir nieder, und sah mir neugierig und offen in die Augen.
„Wenn du also nix mehr vorhast, dann können wir ja was unternehmen,“ sagte er.
Liebe Mädels unter euch, die ihr das jetzt lest, ihr wisst bestimmt, was ich in diesem Moment dachte: nämlich nur „jippi“! Während ich allerdings im nächsten Augenblick schon wieder zweifelte, was ich denn nun sagen sollte, denn auf eine Antwort schien er ja zu warten.
„Was kann man denn hier so machen?“ wollte ich wissen, und ich hoffte sehr, er möge nicht denken, das die Stadtkinder immerzu an irgendwelchen tollen Orten rumhängen würden.
„Wir könnten in den Wald spazieren oder in den Garten gehen, oder einfach nur so in der Gegend rumlaufen... wenn du magst.“
Marcel schien zu merken, das ich sehr verlegen war und dies überspielen wollte, und dann tat er etwas, das mich völlig aus der Bahn warf: er nahm meine Hand! Au weia! Ich erschrak so sehr – und das ungewollt, denn genau das war es ja, wovon ich den vergangenen, so furchtbar hoffnungslos erscheinenden Tag geträumt hatte – das ich meine Hand rasch zurückzog, mir unsicher durch's Haar fuhr und nur mit den Schultern zuckte.
„Magst du net mit mir reden?“ fragte er dann, und es klang ein klein wenig gekränkt oder enttäuscht. Und da kam es mir so vor, als wäre schon alles verloren. Nun musste ich aber endlich über meinen eignen Schatten springen, wenn ich das Ruder noch rumreißen wollte!
Langsam, ganz bedächtig langsam, näherte sich meine Hand der seinen, die immer noch neben mir auf dem Bett ruhte. Meine Fingerspitzen berührten vorsichtig die seinen, und als ich die Funken spürte, die mir Schmetterlinge in den Bauch trieben, wollte ich nur noch eines: ganz alleine mit ihm sein. Seine Finger robbten sanft über meine, dann hielten wir uns an der Hand. Jetzt konnte auch ich mir das Grinsen nicht mehr verkneifen.
„Wir können ja rausgehen,“ sagte ich. Ach Männo, dachte ich dann aber, genau das hatte er doch schon vorgeschlagen. Ich blickte verlegen auf meine Füße. All meine Coolness war dahin, Frau Eisberg war geschmolzen.
„Ja, gerne!“ sagte er freudig. „Dann laufen wir ein bisschen rum?“
Ich nickte nur, lächelte verzückt, spürte die rote Farbe erneut in mein Gesicht aufsteigen, und wisperte, hingerissen auf diese traumhafte Aussicht: „Ich sag' nur meiner Tante Bescheid.“
Wir standen auf, einen Wimpernschlag lang in die Augen des anderen vertieft, streichelten zärtlich und schüchtern noch einmal schnell die Hand des anderen, und verließen das Zimmer.
Selbstredend hatte Elfi nichts dagegen, das ich mit Marcel spazieren ging. Immerhin kannte sie seine Mutter schon eine ganze Weile, und da sie ja spitzbekommen hatte, was in mir vorging, wollte sie mir wohl die Chance auf diese Romanze nicht verbauen. Zudem, und das mag vielleicht auch der Hauptgrund gewesen sein, auch wenn es mir letztlich egal war, genoss sie es vermutlich, mich für einige Stunden von der Backe zu haben. Und so freuten wir uns auf ein paar ungestörte Stunden zusammen, ohne kleine Schwester, ohne wirbelnde Tante. Ganz für uns allein...
Wir liefen schnurstracks auf den Waldweg zu, der gleich um die Ecke des Hauses meiner Tante einbog. Hier waren die weitläufigen Wiesen, auf denen Pferde weideten oder die Hunde so richtig Auslauf bekamen, eingefriedet vom Wald, der herrlich duftete. Da ich mich nun, so ganz ohne die Nähe eines Erwachsenen, etwas befreiter fühlte, und da ich mir ebenso vorgenommen hatte, nicht ganz so schüchtern zu erscheinen, wie ich an sich war, versuchte ich, wenn auch ein wenig ungeschickt, an das Thema von zwei Tagen zuvor anzuknüpfen.
„Hast du denn eine Freundin?“
Wir waren ein kleines Stück gelaufen, um die zehn Minuten, in denen wir beide es auskosteten, einfach zusammen zu sein. Nur hin und wieder wollten sich, ganz scheu, unsere Hände berühren, doch richtig Händchenhalten taten wir nicht.
Marcel blieb stehen, und er sah mich ganz direkt an, lächelte, und ich hatte in diesem Moment grauenhafte Angst vor der Antwort.


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