Elfi sagte mir an einem sonnigen Tag, das sie eine Bekannte besuchen wolle, ob ich nicht Lust hätte, sie zu begleiten? Sie habe zwei Kinder in meinem Alter, und ich könnte dann ja ein wenig mit ihnen spielen. Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte, denn Jungs gegenüber war ich weit mehr als nur einfach schüchtern – ich war befangen. Letztendlich willigte ich ein, denn was sollte ich auch den ganzen Tag alleine zu Hause rumsitzen? Als wir das Haus der Bekannten erreichten, war ich überwältigt. Es lag etwas abseits der anderen Häuser. Also noch weiter außerhalb, als der Ort sowieso schon außerhalb für mich war. Die Pampa der Pampa, sozusagen. Nahe am Waldrand war mehr oder minder das ganze Kuhdorf, aber dieses Haus überbot alles. Ein einfaches, holzgitternes Gartentürchen hieß uns willkommen und gab den Blick frei auf eine riesige, grüne Wiese, übersät mit Obstbäumen, ehe man weit hinten das Haus erahnen konnte.
Nachdem wir geklingelt und uns angemeldet hatten, öffnete sich kurz darauf die Haustür, und Elfis Bekannte kam heraus, gefolgt von ihren Kindern. Ich war für einen klitzekleinen Moment versucht, mich halbwegs hinter meiner
Tante zu verstecken, konnte dem Drang danach, mich unsichtbar machen zu wollen, jedoch in dem Moment widerstehen, als ich den süßen Jungen sah, der mit vor Freude strahlendem Gesicht auf uns zugelaufen kam. Immerhin wollte ich mich nicht total zum Deppen machen, war ich doch kein kleines Kind mehr mit meinen zehn Jahren (oder ähnlich, jedenfalls fühlte ich mich damals ja schon als so ziemlich fast erwachsen).
Auf der Wiese stand ein langer, hölzerner Tisch, naturbelassen, wie ich ihn höchstens aus Filmen kannte, und dazugehörige Bänke. Dort nahmen wir Platz, wir Kinder ein klein wenig abseits von den beiden Frauen, damit wir uns in Ruhe unterhalten konnten. Anfangs wusste ich gar nicht, was ich sagen sollte, doch die beiden Kinder stellten sich, gar nicht scheu und offenherzig, direkt vor, und sagten mir, das sie schon von mir gehört hätten. Sicherlich war ich erstaunt ob dessen, aber ich tat gelassen und hielt mich zurück. Innerlich war ich vor Scham tomatenrot angelaufen, äußerlich kühl und souverän.
Marcel hatte es mir gleich angetan: seine dunkelbraunen Augen, sein fast schwarzes, stoppeliges Haar, seine fröhliche, aus sich heraus gehende Art, witzig aber nicht überdreht... hach, der gefiel mir! Wir unterhielten uns über alles mögliche, Gott und die Welt, würde man wohl als Erwachsener gesagt haben. Wahrscheinlich über Musik, Filme, Schauspieler, Hobbys, wie so die Schule war, der Alltag... alles eben, über was Kinder sich unterhalten. Ich verlor fast gänzlich meine Scheu vor Fremden, denn Marcel machte es mir so leicht, mich einfach fallenzulassen.
Doch mit einemmal trieb es mir dann doch die Schamesröte ins Gesicht. Marcels Schwester war etwas abseits von uns spielen gegangen. Sie schaukelte oder wippte unter einem knorrigen, schattenspendenden Baum. Unvermutet fragte Marcel:
„Hast du eigentlich einen Freund?“
Verzweifelt nach Worten – und vor allem nach meiner Fassung, die mir augenblicklich abhanden gekommen war, – ringend, sah ich einen Sekundenbruchteil auf meine sich ineinander verknotenden Finger unterhalb des Tisches, als könnten sie mir Halt geben – oder noch besser: eine geistreiche Antwort herbeizaubern. So blieb mir jedoch nichts anderes übrig, als die ganze Wahrheit auf den Tisch zu bringen, und ich versuchte mit möglichst fester Stimme zu antworten:
„Nee. Und hast du eine Freundin?“
Marcel schmunzelte, und einen Moment lang wollte seine Hand wohl unter dem Tisch die meinige ergreifen. Doch ehe er antworten konnte, sprach seine Mutter ihn an, und Tante Elfi sagte irgendetwas zu mir. Seine Hand schreckte just zurück. Völlig verdattert, da wir ja nun bei einem höchst wichtigen Thema angelangt waren, verstanden wir zunächst gar nicht, was die beiden Erwachsenen von uns wollten. Doch nach sehr kurzer Zeit waren wir wieder zurück in der Realität und bekamen mit, das ich wohl würde aufbrechen müssen, weil meine Tante noch etwas zu erledigen hatte.
Wir gingen zurück zum Gartentor, und Marcel winkte mir noch nach, als wir bereits mit dem Auto davon fuhren. Innerlich seufzte ich nicht nur tief gequält, ich war zerrissen. Wir waren auseinander-, ja, voneinander fortgerissen worden, ohne uns überhaupt nochmal verabreden zu können. Wann würde ich ihn je wiedersehen können? Würde ich ihn überhaupt nochmal wiedersehen? Ich hätte heulen mögen, aber ich riss mich zusammen. Elfi war nicht gut zu sprechen auf Quengeleien, aber die Frage nach dem wann oder ob überhaupt musste einfach gestellt werden.
„Marcel soll mir nachher oder morgen noch was bringen...“ sagte meine Tante mit einemmal, und ich war so überrumpelt, das ich meine wahren Gefühle nicht mehr hinter den Berg halten konnte. Ein breites Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit, ich lehnte mich im Auto zurück – und schon waren wir zu Hause bei meiner Tante angekommen.
Ich dachte jede Sekunde nur noch an den schnuckeligen Jungen. Ganz gleich was ich tat, die Ablenkung hielt nur minimale Zeit an, dann schweiften meine Gedanken wieder zu ihm. Ich wollte so gerne seine Hand berühren, wollte ihm durch die Haare fahren, bei ihm sein, mit ihm quatschen... Es war eine Höllenqual, das ich nicht wusste, wann ich ihn würde wiedersehen können. Ich war unaufmerksam, wollte alleine in meinem (Gäste-)Zimmer verweilen und vor mich hinträumen. Wenn ich die Augen schloss, sah ich sein Gesicht vor mir und hörte seine Stimme.
Ihr fragt euch, warum ich ihn nicht einfach angerufen habe? Sowas gehörte sich nicht. Davon mal ab, das Mädchen keinen Jungs hinterher telefonierten, war es auch einfach nicht so Gang und Gäbe wie heutzutage, sich den Telefonhörer zu schnappen und drauflos zu quaken, schon gar nicht, wenn man zu Besuch irgendwo war. Und so blieb mir nichts anderen übrig, als zu warten.
Am anderen Tag, nachdem ich Marcel zum ersten Mal getroffen hatte, passierte gar nichts. Ich wollte mir nicht die Blöße geben, und Elfi darauf ansprechen, und so tat ich, als sei es ein ganz normaler Tag. War es aber nicht. Ich wusste zwar nicht genau, was mit mir los war, aber meine Tante hatte es schon längst geschnallt: ich war verschossen! Aber so richtig. Obwohl ich mir größte Mühe gab, meine Empfindungen zu verbergen, grinste Elfi mich immer wieder an, fragte, ob ich den Jungen denn süß fände, ob ich mich freuen würde, ihn wiederzusehen, ob ich schonmal einen Freund gehabt hätte... hmm, alles so ein Thema, das ich ja ungemein gerne bequatscht hätte – nur eben nicht mit einem Erwachsenen!
Als ich am Abend zu Bett ging, war ich tief deprimiert. Ich hatte die Hoffnung verloren, das ich Marcel je wiedersehen würde. Dieser eine Tag ohne ihn war endlos lang gewesen, und ich wusste nicht, wie ich darüber je würde hinweg kommen können, wenn ich nicht mal wenigstens die Antwort auf meine Frage erhalten würde. Noch wichtiger war allerdings, das ich ihn doch so gerne gefragt hätte, ob er mich mochte... Trotz meiner herzensschweren Seufzer schlief ich letztendlich ein.
Der zweite Tag brach an, und er verhieß nichts Gutes – nicht in dieser scheinbar aussichtslosen Lage, denn meine Tante Elfi meinte, sie hätte so einige Besorgungen zu machen, ob ich nicht mitkommen wolle. Das konnte ja nur heißen, das Marcel entweder gar nichts bei ihr abzugeben hatte, oder das er, sollte er tatsächlich etwas abgeben, es auch einfach in unserer Abwesenheit vor die Tür legen konnte – und ich somit jedwede Chance vertan hätte, ihn wiederzusehen. Denn eines stand mal vollkommen außer Frage: das ich alleine zu seinem Haus laufen würde, um dort zu klingeln!


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